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Interview mit VHS-Leiterin Janine Brigant-Loke

Die VHS-Leiterin Janine Brigant-Loke steht seit 19 Jahren an der Spitze der Einrichtung für Erwachsenenbildung im nordwestlichen Teil des Kreises Höxter. Nun wird der VHS-Zweckverband 50 Jahre alt. Ein Anlass für ein Interview mit Julia Gäbelein.
 

Den wievielten Staffelstab hast Du übernommen seit der Gründung des VHS-Zweckverbandes?
Wenn wir uns nur auf die hauptamtlichen VHS-Leitungen konzentrieren, war ich die Vierte im Bunde.

Hattest Du Gelegenheit, dich mit Ehemaligen auszutauschen und in die Vergangenheit zu blicken?
Leider sind meine Vorgänger bereits alle verstorben, was ich sehr bedaure – ihre persönlichen Erzählungen aus den Gründungsjahren hätten mich besonders interessiert. Umso schöner war es, dass wir noch einige Verwaltungsmitarbeiterinnen aus dieser Zeit befragen konnten. Das Interview, das im Sonderheft zu lesen ist, hat großen Spaß gemacht, und ich danke den drei ehemaligen VHS-Mitarbeiterinnen herzlich für ihre spannenden Einblicke. So konnten wir die Jubiläumsseiten nicht nur auf Aufzeichnungen und Presseartikel stützen, sondern auch auf persönliche Erinnerungen.

Du bist seit 2005 beim VHS-Zweckverband tätig. Zuerst als pädagogische Mitarbeiterin und seit 2008 als Leiterin. War das Dein Berufswunsch?
Die Arbeit mit Menschen und das Vermitteln von Wissen waren schon früh Teil meiner Laufbahn. Ich habe mit ganz unterschiedlichen Zielgruppen gearbeitet – von Jugendlichen über Kinder bis hin zu Erwachsenen in der Wiedereingliederung. Durch einen privaten Umzug kam ich schließlich zur VHS. Hier konnte ich als pädagogische Mitarbeiterin vielfältige Aufgaben übernehmen – von
der Bildungsplanung bis zur Kursleitung und Projektarbeit. Die Leitungsrolle war ein neuer, spannender Schritt, den ich bis heute mit großer Freude ausfülle – auch wenn ich inzwischen mehr am Schreibtisch sitze als im Schulungsraum.

Ist die Volkshochschule heute noch als Institution aktuell und zeitgemäß?
Die Volkshochschule ist heute eine feste Größe in der Bildungslandschaft – eine echte Marke. Mit allein 131 Volkshochschulen in NRW und rund 900 Einrichtungen bundesweit bildet sie ein flächendeckendes Netz kommunaler Weiterbildungszentren. Dieses breite Angebot richtet sich an alle Menschen, unabhängig von ihren individuellen Beweggründen, und spiegelt die Stärke der Volkshochschulen wider: Vielfalt, Aktualität und Nähe. Immer am Puls der gesellschaftlichen Entwicklungen zu bleiben und Bildung direkt vor Ort zu ermöglichen, gehört zum Selbstverständnis der VHS. Gerade im Zuge des tiefgreifenden Wandels durch Künstliche Intelligenz wird ihre Bedeutung künftig weiter zunehmen. Da die Volkshochschulen schon immer darin überzeugt haben, Trends frühzeitig aufzugreifen und in praxisnahe Lernangebote umzusetzen, werden sie auch in dieser neuen Lernära mehr denn je gefragt sein.

„Bildung ist Entwicklung“ ist der Leitspruch des VHS-Zweckverbandes. Inwieweit wird er dem gerecht?
Bildung und Entwicklung sind untrennbar mit lebenslangem Lernen verbunden, da der Begriff des lebenslangen Lernens jegliche Art von Lernen in allen Lebensphasen umfasst. Lebenslanges Lernen verstehen wir als kontinuierliche Aneignung von Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen, die notwendig sind, um mit den ständigen Veränderungen der Welt Schritt zu halten und die eigene berufliche und persönliche Entwicklung zu fördern. Das erreichen wir durch unsere Angebotsvielfalt.

Wie hat sich das Bildungsangebot des VHS-Zweckverbandes in den letzten Jahren verändert und welche Entwicklungen siehst Du für die kommenden fünf bis zehn Jahre?
In den letzten Jahren hat sich unser Bildungsangebot inhaltlich als auch methodisch stark weiterentwickelt, etwa durch den Ausbau von Sprach- und Integrationskursen, verstärkte Angebote im Bereich Digitalisierung, KI und Bildung für nachhaltige Entwicklung sowie neue Kursformate im Bereich Beruf & IT, Gesellschaft und Kultur. Besonders durch die Corona-Pandemie haben wir
digitale Lernformate deutlich ausgebaut und viele neue Wege der Wissensvermittlung erprobt. Wir haben immer auf gesellschaftliche Entwicklungen reagiert. In den kommenden Jahren wird lebensbegleitendes Lernen noch wichtiger – mit Blick auf den Wandel der Arbeitswelt, den Fachkräftemangel und das Älterwerden der Gesellschaft. Wir brauchen flexible, niedrigschwellige Angebote, die sich an den individuellen Lebenssituationen orientieren. Künstliche Intelligenz wird dabei sowohl als Lerninhalt als auch als Werkzeug eine wachsende Rolle spielen. Ebenso bleiben Demokratiebildung, Nachhaltigkeit und Teilhabe zentrale Schwerpunkte. Gemeinsam mit meinem Team möchte ich die VHS als offenen Lernort weiterentwickeln – analog, digital und immer in enger Verbindung mit den Bedürfnissen unserer Region.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung aktuell im Kursangebot – und welche digitalen Formate sollen in Zukunft stärker ausbaut werden?
Digitale Technologien sind bereits ein fester Bestandteil unseres Kursangebots. Sie ermöglichen uns, Lernprozesse flexibler und effizienter zu gestalten – sei es durch Online-Plattformen, digitale Lernmaterialien oder interaktive Formate. Diese digitalen Angebote passen sich den individuellen Bedürfnissen der Teilnehmenden an und erweitern den
Zugang zu Bildung auf orts- und zeitunabhängige Weise. Doch Digitalisierung allein reicht nicht aus, um das volle Potenzial des Lernens auszuschöpfen. Hier kommt Künstliche Intelligenz ins Spiel. KI hat die Möglichkeit, Lernprozesse noch individueller zu gestalten, indem sie personalisierte Lernempfehlungen bietet und den Lernfortschritt in Echtzeit analysiert. Sie erkennt gezielt Schwächen und schlägt maßgeschneiderte Aufgaben oder Materialien vor – sodass Lernende genau dort abgeholt werden, wo sie stehen, und in ihrem eigenen Tempo und auf ihre Weise lernen können. Die Kombination aus Digitalisierung und KI stellt eine synergetische Grundlage dar, die nicht nur die Effizienz steigert, sondern auch die Lernqualität und die Teilhabe am Bildungsangebot verbessert. Diese Technologien sind somit entscheidend, um die VHS als modernen und zukunftsfähigen Lernort weiterzuentwickeln.

Wie reagiert der VHS-Zweckverband auf gesellschaftliche Veränderungen wie den demografischen Wandel, Migration oder den zunehmenden Fachkräftemangel?
Diese gesellschaftlichen Entwicklungen prägen unsere Arbeit zunehmend – und wir reagieren darauf mit gezielten Bildungsangeboten und strategischer Weiterentwicklung. Beim demografischen Wandel sehen wir eine wachsende Nachfrage nach Bildungsangeboten für ältere Menschen. Wir bauen deshalb Programme zur digitalen Teilhabe, Gesundheitsbildung und sozialen Vernetzung für Seniorinnen und Senioren weiter aus. In Bezug auf Migration liegt unser Fokus auf Sprachkursen, Integrationsangeboten und interkultureller Bildung. Die VHS ist oft der erste Bildungsort für Zugewanderte – und wir verstehen es als unsere Aufgabe, ihnen nicht nur Sprache, sondern auch Orientierung und Teilhabe zu ermöglichen. Der Fachkräftemangel ist ein weiteres zentrales Thema. Wir arbeiten mit Partnern daran, niedrigschwellige Qualifizierungsangebote, etwa im Bereich Grundbildung, Digitalisierung und berufliche Orientierung, auszubauen – auch in Zusammenarbeit mit Jobcentern und Unternehmen. Unser Ziel ist es, Bildung als Antwort auf gesellschaftliche Herausforderungen zu gestalten – offen, praxisnah und inklusiv.

Welche Zielgruppen möchte der VHS-Zweckverband künftig stärker ansprechen, die bisher vielleicht unterrepräsentiert sind?
Zukünftig möchten wir besonders diejenigen ansprechen, die bislang wenig Zugang zu Weiterbildung hatten. Dazu zählen bildungsbenachteiligte Gruppen, Menschen mit Migrationshintergrund, Alleinerziehende und Berufstätige mit wenig Zeit. Auch junge Erwachsene, die nach der Schule Orientierung suchen, sowie Seniorinnen und Senioren, die zunehmend Interesse an Bildung zeigen, wollen wir stärker in den Fokus rücken. Darüber hinaus möchten wir gezielt Menschen auf dem Land ansprechen, für die kreative, mobile und digitale Formate eine wichtige Möglichkeit bieten, Bildung trotz großer Entfernungen zu erreichen. Unser Ziel ist es, Bildung für alle zugänglich zu machen, indem wir aktiv auf diejenigen zugehen, die bislang unterrepräsentiert sind. 

Wie stellst Du sicher, dass die VHS als Ort des lebenslangen Lernens für zukünftige Generationen attraktiv bleibt? 
Lebenslanges Lernen muss mit der Lebensrealität der Menschen Schritt halten – und das bedeutet für uns, flexibel, relevant und niedrigschwellig zu bleiben. Wir passen unser Angebot kontinuierlich an die sich wandelnden Lernbedürfnisse an, sei es durch hybride Lernformate, modulare Kurse, berufliche Qualifizierungen oder kreative sowie gesundheitsbezogene Angebote. Besonders wichtig ist es, die Bedürfnisse unterschiedlicher Generationen zu berücksichtigen: Jüngere Menschen erwarten mehr digitale Angebote und flexible Zeitmodelle, während ältere Generationen persönliche Begegnung und Orientierung suchen. Ein weiterer Schritt, um die VHS zukunftsfähig zu machen, ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI). Durch KI können wir
personalisierte Lernempfehlungen und adaptive Lernpfade anbieten, die den individuellen Bedürfnissen unserer Teilnehmenden gerecht werden und das Lernen noch effizienter und motivierender gestalten. Außerdem setzen wir auf digitale Tools, die den Zugang zu Bildung erleichtern und es uns ermöglichen, auch Lernende mit wenig Zeit oder aus abgelegenen Regionen gezielt anzusprechen. Um attraktiv zu bleiben, setzen wir zudem stark auf Beteiligung: Wir hören unseren Teilnehmenden zu, arbeiten mit lokalen Akteuren zusammen und entwickeln unser Profil als Ort der Begegnung, der Vielfalt und der Bildungsgerechtigkeit stetig weiter. Unser Ziel ist klar: Die VHS soll auch in Zukunft ein Ort des lebenslangen Lernens sein, an dem Lernen Freude macht – unabhängig von Alter, Herkunft oder Bildungsstand.

Inwiefern arbeitet der VHS-Zweckverband mit anderen Bildungsinstitutionen, Kommunen oder Unternehmen zusammen – und wie siehst Du die Zukunft solcher Kooperationen?
Kooperationen, wie unsere Netzwerklandkarte aufzeigt, sind für uns längst ein zentraler Bestandteil unserer Bildungsarbeit. Wir arbeiten eng mit Schulen, Kindertageseinrichtungen, Büchereien, Integrationszentren, Arbeitsagenturen, sozialen Einrichtungen etc. und zunehmend auch mit Unternehmen zusammen – insbesondere im Bereich der beruflichen Weiterbildung und Sprachförderung. Auch kommunale Partner wie Stadtverwaltungen und Kulturämter sind wichtige Akteure. In Zukunft werden solche Netzwerke noch entscheidender: Die Herausforderungen – sei es Integration, Digitalisierung oder Bildungsgerechtigkeit – lassen sich nur gemeinsam bewältigen. Ich sehe die Volkshochschule dabei als Plattform und Brückenbauerin: Wir verbinden unterschiedliche Akteure, bündeln Ressourcen und erreichen Zielgruppen, die andere Institutionen oft nur schwer erreichen. Ich wünsche mir, dass diese Zusammenarbeit weiter wächst – strategisch, auf Augenhöhe und mit einer gemeinsamen Vision von Bildung als öffentlichem Gut.

Wie siehst Du auf den Drittmittelbereich zurück und welche Herausforderungen liegen darin für die Zukunft?
Drittmittel sind sehr wichtig für uns. Zum einen sind sie eine unerlässliche Ergänzung zur Kernfinanzierung der Einrichtung. Zum anderen ermöglichen sie uns innovative und neue Projekte umzusetzen. Allerdings ist der Zugang zu Drittmitteln gerade für kleine Volkshochschulen im ländlichen Raum sehr problematisch. Die Drittmittelakquise ist komplex und schwierig, der für die
Interessenbekundungen bereits hohe Personalressourcen erfordert und spezifisches Know-how im Bereich der Förderlandschaft und der Antragsstellung erfordert. Bei kleinen Volkshochschulen, wie wir es sind, stehen oft nicht die personellen Ressourcen zur Verfügung, um sich an Drittmittelakquise und -ausschreibungen intensiv zu beteiligen. Große Volkshochschulen haben es da aufgrund ihrer Personalressourcen und Organisationsstrukturen deutlich leichter Drittmittelakquise aktiv zu betreiben. Wir dagegen sind Generalisten und beackern im Alltag oft mehr als einen Bereich. Da fehlt uns für die sehr kurzen Antrags- und Bewerbungsfristen schlicht zu oft die Zeit. Dennoch sind wir seit gut 20 Jahren aktiv im Drittmittelbereich tätig und bieten mit dieser Zusatzfinanzierung aktuell und auch zukünftig sehr schöne Projekte an, die unser Angebotsspektrum ergänzen und erweitern.

Welche Herausforderungen siehst Du in den nächsten Jahren für die Finanzierung und strategische Ausrichtung der Volkshochschulen allgemein?
Eine der größten Herausforderungen ist die dauerhafte Finanzierung unserer Bildungsarbeit. Viele Volkshochschulen arbeiten mit knappen Budgets und sind auf projektbezogene Fördermittel angewiesen, die oft kurzfristig und zweckgebunden sind – so auch wir. Für eine nachhaltige Bildungsplanung brauchen wir aber verlässliche, langfristige Strukturen. Strategisch stehen wir außerdem vor der Aufgabe, unser Angebot weiterzuentwickeln – etwa durch den Ausbau digitaler Formate, durch mehr niedrigschwellige Angebote in sozialen Bereichen oder durch Programme zur beruflichen Weiterbildung. In diesem Kontext spielt Künstliche Intelligenz (KI) eine entscheidende Rolle: Sie ermöglicht es uns, Lerninhalte und -formate noch individueller zu gestalten, den Lernprozess personalisiert anzupassen und so den Bedürfnissen einer vielfältigen Zielgruppe gerecht zu werden. Gleichzeitig müssen wir auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren: Migration, demografischer Wandel, Fachkräftemangel, politische Polarisierung – all das beeinflusst unsere Bildungsarbeit. Die größte strategische Herausforderung sehe ich darin, Volkshochschulen zukunftsfähig zu machen, ohne ihren sozialen Bildungsauftrag aus den Augen zu verlieren. Wir müssen innovativ sein, ohne uns zu entfremden – und inklusiv bleiben, auch wenn die Rahmenbedingungen schwieriger werden.

Wenn Du für die Zukunft des VHS-Zweckverbandes drei Wünsche frei hättest– was wären diese?
Mein erster Wunsch wäre eine stabile und langfristige finanzielle Förderung, insbesondere auch im Drittmittelbereich, die uns ermöglicht, nicht nur den Status quo zu halten, sondern auch innovative Bildungsformate zu entwickeln und flexibel auf gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren. Mein zweiter Wunsch ist es, gemeinsam mit den Trägerkommen die Außenstandorte noch stärker zu präsentieren und dass der Hauptverwaltungssitz nach so vielen Umzügen endlich angekommen ist und der aktuelle Sitz ein dauerndes Zuhause bleibt. Und drittens wünsche ich mir, dass wir es schaffen, auch künftig Menschen aller Altersgruppen, Hintergründe und Bildungsvoraussetzungen für das Lernen zu begeistern – und die VHS weiterhin ein Ort bleibt, an dem Lernen Freude macht und Gemeinschaft stiftet.